b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta9.jpgVor 20 Jahren ist Viktor Frankl, der große österreichische Psychiater, gestorben. Geboren wurde er 1905, wenige Tage, bevor in Innsbruck im Gasthof Bierwastl der erste selbständige Fußballverein gegründet wurde. Frankl liebte zwar das Klettern über alles (siehe Bild), kam aber nicht in den Bergen zur Welt, sondern in Wien. In der Czerningasse, zwischen Nestroyplatz und dem Würstlprater, einer Parallelstraße zur Zirkusgasse. Wien ist halt ein einziges Theater, ob auf der Bühne, im Zelt oder am Fußballplatz. Kein Wunder, dass dort die Psychotherapie ihren Ursprung nahm. Frankl, wie auch seine Bekannten Sigmund Freund und Alfred Adler, hatten ihre Studienobjekte ja geradezu vor der Nase, massenhaft. Und Innsbruck das Glück, dass Frankl, Freud, Adler nicht Tiroler waren – denn zu analysieren gäbe es hier nicht weniger.

 

Das Schöne am Ziel

Wien ist anders, heißt es. So anders aber auch nicht. In Wien wie in Tirol gibt es traditionell etwas überzogene Erwartungen für Fußballvereine, und werden die nicht erfüllt, raunzt man, dass es nur so eine Freude ist. Floridsdorf etwa haut Jahr für Jahr am Ende der Saison ein Wunder raus. Mal überleben sie dank Insolvenzen und Lizenzentzügen, mal durch unglaubliche letzte Runden, immer wieder hüpfen sie dem "Tod" - respektive dem Abstieg - von der Schaufel und wollen einfach keine „schene Leich“ abgeben. Nur, spielen sie einmal gut, dann meint man in der kommenden Saison, man könne für Höheres Berufen sein. Als ob das Wiener Riesenrad kein Beispiel wär, dass es immer wieder abwärts geht, ob auf den billigen Plätzen oder in der luxuriösen Dinner-Kabine. Und Innsbruck? Nicht anders, da muss nicht nur der Titel her, nein, er muss schön erspielt werden. Ein 1:0-Sieg nach hartem Kampf gegen die Jungspunde eines Milliardenunternehmens? Ja wo bleibt denn da die Eleganz des Ballsports? Ein 3:0 gegen den ungeschlagenen Tabellenführer? Die drei Punkte können die Mängel der beiden Saison-Niederlagen nicht wettmachen. Puh. Frankl hätte wahrlich seine Freude am Ärger, am Zorn, an der Angst beim Tivoli. Und er würde den Kopf schütteln, meinte er ja: „Es ist keine Schande sein Ziel nicht zu erreichen, aber es ist eine Schande kein Ziel zu haben!“ Und Ziele gibt es genug. Etwa jenes, wieder dorthin zu gelangen, wo man schon einmal war, in die Bundesliga. Und dort in die obere Hälfte, um Vergangenes zu wiederholen. Ach, da würd er wieder lachen, der Vickerl, über das lustige Ziel, denn auch über die Vergangenheit hat er so seine Ansichten.

Das Schöne am Vergangenen

Er meinte etwa, „Der Mensch lebt nicht in der Zukunft. Er lebt auch nicht in der Vergangenheit." Nona, könnte man sagen. Aber Frankl zieht daraus seine eigenen Schlüsse, denn „Er lebt so, dass er alles, alle Taten, die er tut, alle Werke, die er schafft, alle Erlebnisse hineinschafft in die Vergangenheit. Dort sind sie nicht unwiederholbar verloren, sondern unverlierbar geborgen. Nichts kann man aus der Vergangenheit herausschaffen.“ Wer sich also seiner Vergangenheit entledigt, der beraubt sich seiner Stärke. Und wer auf sie aufbaut, kann reich in die Zukunft gehen. Floridsdorf etwa mit einem Meistertitel 1918. Den kann den Wienern keiner mehr nehmen, auch keine noch so amüsante Plakatkampagne vom Verteilerkreis, die die Titelzählung neu ordnen will. Man kann ihnen auch nicht nehmen, dass die ehemalige schwarz-grüne Legende und Nationalteamcoach Helmut Senekowitsch den Verein in der Regionalliga betreute. Oder, dass der junge Ernst Ocwirk ebenso bei Floridsdorf das Kicken lernte wie Marko Arnautovic. Floridsdorf war mal wer. Und ist damit für immer wer, denn das, was sie erreicht haben, ist „unverlierbar geborgen“. Ebenso geborgen wie etwa der Heimsieg vor ziemlich genau einem Jahr gegen den FC Wacker. Drei Tore erzielte man, das erste gleich der Ex-Innsbrucker Thomas Hirschhofer, der Seite an Seite mit Marco Sahanek und Christian Deutschmann gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber kickte und gewann. Viel Wasser ist allerdings seit damals die Donau hinabgeflossen, von den 14 damals eingesetzten Floridsdorfern kicken nur noch fünf Mann bei den Blau-Weißen – Mario Kröpfl, Mirnes Becirovic, Lukas Tursch, Oliver Markoutz und Flavio, Doppeltorschütze in eben jenem Spiel. Aber auch der Inn stand nicht still, immerhin acht der damals aktiven Spieler haben nun einen neuen Arbeitgeber, quasi die gesamte linke Seite samt Tormann und Solospitze sind nun abseits des Tivolis zu Hause. Macht nichts, muss man halt neue Erinnerungen schaffen. Aber hoffentlich bessere als die an den September 2015. Innsbruck, damals Tabellenführer mit 25 Punkten in 10 Spielen, traf auf das Schlusslicht FAC, 0 Punkte, nicht einmal ein Remis. Naja, noch nicht.

Das Schöne am Ausweglosen

Für Floridsdorf schien die Situation damals ausweglos, schon 11 Punkte hinter dem rettenden Platz, kein Punktegewinn nach fast einem Drittel der Liga, 24 Gegentreffer. Andere werfen da alles hin, nicht aber die Floridsdorfer. Sie lebten so, wie auch Viktor Frankl meinte: „Wenn keine 100%ige Garantie vorliegt, gebe ich nicht auf. Wenn auch nur ein Promille Wahrscheinlichkeit da ist, bin ich vor mir selbst, vor wem immer, vor der Gesellschaft, vor dem Herrgott dafür verantwortlich, dass ich nicht aufgebe.“ Frankl, der Wiener, überstand so die größte Katastrophe in der Geschichte unseres Landes, überlebte das Fehlen der Menschlichkeit und zog daraus seine Stärke. Für Floridsdorf ging es im Vergleich dazu um nichts von Wert, für einen Fußballverein aber um alles. Und sie zeigten Stärke, und gaben nicht auf. Ein Remis gegen Innsbruck war der erste Punktegewinn für die Wiener und der Beginn der Rettung, die durch die Rückzüge von Salzburg und Klagenfurt Realität wurden. Für Wacker war es der Anfang vom Rückschritt. Ab diesem Zeitpunkt war schwarz-grün nur noch siebtbeste Mannschaft, 29 Punkte schlechter als der Aufsteiger St. Pölten, der bis Runde 10 schon 8 Punkte hinter dem FCW gelegen war. Man kann alles erreichen, wenn man nur nicht aufgibt. Es ist halt nicht so leicht, durchzuhalten.

Das Schöne am Lachen

Und weil es nicht so leicht ist, das Durchhalten, zitierte Viktor Frankl dann gerne einen anderen Wiener, quasi einen Vorgänger als Psychotherapeut. Denn Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy hielt seiner Stadt, hielt Österreich in seinen Stücken gerne den Spiegel vor, wenn er etwa sagte: „Jetzt bin i neigirig, wer stärker is: ich oder ich.“ Es ist oft nicht so leicht, den inneren Schweinehund zu überwinden. Aber vielleicht geht’s mit Frankls Einstellung: Der Angst nicht nur ins Gesicht schauen, sondern ins Gesicht lachen. Und dann lacht man auch nach 90 Minuten in Floridsdorf.

Hinweis / Autor

Dieser Text stellt geistiges Eigentum des tivoli12 magazins dar und ist somit urheberrechtlich geschützt. Um den Text, oder Teile davon nutzen zu können, setzen Sie sich bitte mit dem tivoli12 magazin in Verbindung.

Stefan Weis Stefan Weis

Artikel bisher gesamt: 224